Schlüsselmomente

Wann ich gemerkt habe, dass ich mich heimisch fühle

Das ganze Austauschjahr ist ein einziges Abenteuer, denn all die neuen Eindrücke in Deiner Umgebung sind noch fremd und zugleich super aufregend. Vielleicht erlebst Du während dieser Zeit ein Schlüsselerlebnis, welches Deine Sichtweise auf die Dinge ein wenig verändert. Mehr dazu findest Du auch auf diesen Seiten. 

Hier erfährst Du, was die Schlüsselmomente unserer Teilnehmer bei ihrem Auslandsaufenthalt waren.

Was war Dein Schlüsselmoment? - Erfahrungsberichte unserer Austauschschüler

Warmgesungen

Als ich die Entscheidung getroffen habe ein Highschool-Jahr in Kanada zu machen, gab es davor nie etwas, wo ich mir so sicher war. Trotzdem habe ich mich als ich im Flugzeug saß in Gedanken nochmal gefragt, wieso ich das eigentlich mache. Denn schließlich hieß es sechs Monate ohne meine Familie, ohne meine Freunde zu leben und zwar bei Fremden in einer unbekannten Kultur. Das macht einen dann schon etwas nervös. Ganz am Anfang meinte meine Gastmutter zu mir, dass es einen Moment gibt, wo man sich plötzlich wie zu Hause wird, wo das Leben in dem neuem Land ‚real‘ wird. Denn selbst in den ersten paar Tagen dort konnte ich kaum glauben, wo ich gerade war. Da ich sehr gerne singe hatte ich vor ab der zweiten Woche in den Chor reinzuschnuppern. Spätestens nach der Probe war mir klar, dass das mein Schlüsselmoment war, wo ich bemerkte: Ach du meine Güte, ich bin in Kanada und ich fühl mich hier sau wohl! Ich glaube dieser Moment kommt immer dann, wenn man etwas macht, was einem echt wichtig ist, was man auch zu Hause immer macht. Vor der ersten Chorprobe hatte ich nämlich noch nicht gesungen, weil in Kanada die Wände sehr dünn sind und da ich meine Gasteltern überhaupt noch nicht kannte wollte ich ihnen nicht direkt Etwas ‚vorsingen‘. Aber mit der Zeit habe ich meine Gastfamilie kennengelernt und sie ist mir schnell ans Herz gewachsen. Außerdem habe ich echt tolle Freunde gefunden, sodass meine anfänglichen Zweifel total unbegründet waren. Es mag vielleicht etwas hart klingen, aber ich habe meine Familie und meine Freunde in Deutschland ziemlich selten vermisst. Denn es gibt so viel Neues, was die ganze Zeit auf einen einströmt und neue Freunde und eine Familie zum Zeitverbringen, sodass da fast keine Zeit bliebt, um die Lieben im fernen Deutschland zu vermissen – die Zeit vergeht wie im Flug!

Indien ist mein Zuhause

Als ich beschlossen habe, nach Indien zu gehen, wollte ich ein Abenteuer erleben. Ich wollte anders leben und mal frei von meiner Familie sein, die bei aller Liebe doch immer ein kleiner Balast ist. Eine fremde Kultur kennenlernen und Neues erleben wollte ich. Dabei hatte ich wirklich nicht erwartet, mir direkt eine neue Familie zuzulegen und mir die Kultur einfach anzueignen!

Denn als ich nach ungefähr einem Monat wieder einmal mit meinen indischen Freunden im Schulbus saß, dachte ich mir plötzlich: So verrückt ist das alles ja gar nicht. Ja, wir fahren grade an einer Kuh vorbei, ja, alle Frauen tragen Saris (selbst die Lehrerinnen!),ja, alles ist total chaotisch und ja, wenn ich jetzt nach Hause komme, erwarte mich meine Caretaker und nicht meine Mutter. Und so anders und abnormal kam es mir plötzlich gar nicht mehr vor.

Es war mir vertraut geworden, dass es ganz anders als in Deutschland roch, es war mir vertraut, dass ich mit meiner Schuluniform bei 35°C im Schulbus dicht gedrängt mit anderen fuhr, und ich hatte mich daran gewöhnt, die Dinge einfach so zu nehmen, wie sie waren.

Und da wurde mir ganz plötzlich bewusst, dass, auch wenn alles so anders war, ich doch jederzeit nach Hause kommen konnte. Und Zuhause waren plötzlich nicht mehr meine Familie oder Deutschland; Indien war mein Zuhause geworden, meine Freunde meine Familie.

Und genau an diesem Tag habe ich die Erfahrung gemacht, dass alles und jeder eine Familie bilden kann – ob es nun Vater, Mutter, Kind sind oder ob es eine Menge junger Leute ist, die dir hilft, dich in einem fremden Land zurecht zu finden. Zuhause muss nicht da sein, wo du aufgewachsen bist, es kann auch einfach der Ort sein, an dem du dich in genau diesem Moment am wohlsten fühlst.

Johanna - Austauschschülerin in Indien

Schimpfen auf Spanisch

Ein eigentlich total normaler Moment, wie ich ihn eigentlich so viele Nachmittage erlebt habe, ist mir bis heute noch sehr klar vor Augen. War er doch der Tag, an dem ich merkte, dass sich einfach mein ganzes Wesen auf die argentinische Mentalität umgestellt hatte. Es war ein Nachmittag, ca. vier Monate nach meiner Ankunft in Córdoba. Ich war mit meiner Gastschwester Juli aus der Schule zurückgekommen, vollkommen kaputt und freute mich nur noch auf meine Siesta, den Mittagsschlaf, den das ganze Land hält. Doch der neue, überaus aktive Hund meiner Familie, die braune Mischlingshündin Pipa, ließ mich einfach nicht in Ruhe, in der Hoffnung, dass ich sie vor die Tür lassen würde. Das ganze Haus war leer, meine Gastschwester schon am Schlafen, und dann schnauzte ich den Hund an, er solle mich einfach in Ruhe lassen. Aber das auf Spanisch! Niemand anders stand dabei, der mich hätte hören können, und Pipa hätte meine Wortwahl sowieso nicht beeindruckt. Aber ganz natürlich, als hätte ich nie in einer anderen Sprache gedacht, blaffte ich das Tier im tiefsten argentinischen Spanisch an, mich schlafen zu lassen. Am Abend erzählte ich das meiner Gastschwester, sie nahm mich in den Arm und sagte: „Du bist nicht nur eine richtige Argentinierin, sondern auch ein richtiges Mitglied meiner Familie!“ Von dem Moment an gab es keinen einzigen mehr, an dem ich mir wünschte, an einem anderen Ort gelandet zu sein, als dort bei ihnen.

Christina Appel - Austauschschülerin in Argentinien

Mir ist das deutsche Wort für "plate" nicht mehr eingefallen...

Ein Schlüsselmoment, dass ich endlich angekommen war, war eigentlich nichts Besonderes. Ich war im Bad und machte gerade die Dusche sauber, als meine Gastmutter mich rief und fragte wo ich denn den Saft hingestellt hatte. Wir waren zuvor einkaufen und ich hatte mir erlaubt etwas aufzuräumen, was meine Gastmutter gar nicht mochte, denn sie sagte immer ich sein ihr „Kind“ und nicht ihre Haussklavin.  Ich rief ihr zu, dass ich ihn in den Vorratsschrak gestellt habe, wo er immer ist. Dieses Wort immer ließ mich aber zusammenschrecken. Immer. Wie konnte ich sagen immer. Dieses Haus war ja nur für einen bestimmte Zeit mein zuhause und ich lebte hier erst seit 4 Wochen. 

Am Abend haben wir dann über die deutsche Grammatik gesprochen und meine Gastschwester gefiel es so, wenn ich Deutsch redete. Sie fragte mich alle mögliche Wörter, doch dann wollte sie wissen was „plate“ auf Deutsch heißt, doch ich konnte es nicht sagen. Ich hatte einen vor mir stehen und wusste genau was man damit macht, doch das deutsche Wort, Teller, fiel mir den ganzen Abend lang nicht ein. Von da an wusste ich, dass ich endlich ein neues Zuhause gefunden hatte.

Bettina Estermeier - Austauschschülerin in Australien

Fast eine richtige Australierin

Das erste Mal, als ich mich heimisch gefühlt habe, war nach ca. einem Monat. Ich hatte mich gut eingelebt, an die Zeitumstellung gewöhnt, Freunde gefunden, mit denen ich viele Sachen unternahm, verstand die Sprache gut, kannte endlich alle wege zur Schule und konnte selbstständig sein, ohne auf Hilfe von anderen angewiesen zu sein – ich konnte mein Leben endlich ganz „normal“ 15.000 km von Deutschland entfernt leben.

Auch habe ich nicht mehr ständig an meine Freunde und Familie in Deutschland gedacht. Das war, als ich mich zum ersten Mal heimisch gefühlt habe und alles in Australien einfach nur schön und jeder Tag spannend war. Ich hatte das Gefühl, das ich nie nie nie wieder aus Australien weggehen möchte und für immer Teil dieses Landes und dieser Kultur sein möchte.

Als ich dann ein paar Wochen später mit meiner Hostmum auf einer Geburtstagsfeier war, und mir eine Frau dort gesagt hat, dass ich schon einen richtig Aussie-Akzent habe, hat mich das richtig glücklich gemacht und ich habe mich schon fast wie eine richtige Australierin gefühlt!

Michelle Berges – Austauschschülerin in Australien

Spieleabend

Ich habe meine Gastfamilie nicht erst als eigene Familie ins Herz geschlossen, als sie mich als ihre Tochter bei den Weihnachtskarten aufführten. Auch nicht, als sie mich ganz selbstverständlich zu Disneyland-California einluden.

Nein, ich wurde Teil der Familie Sullivan als wir alle gemeinsam um die Wette pupsten. Das hört sich wahrscheinlich eklig an, oder komisch, aber einen Schlüsselmoment sucht man sich schließlich nicht aus. Es passiert einfach.
Das kam natürlich nicht einfach so aus dem Nichts, sondern wir spielten im Wohnzimmer Spiele und da, plötzlich in die Stille hinein, pupste mein Gastbruder.

Er wurde kurz rot, dann grinste er seine Eltern, meine Gastschwester und mich an und wir prusteten so laut los, dass meine Gastmutter auch pupsen musste. Und da war es um uns geschehen. Wir konnten uns nicht mehr halten und lagen wirklich auf dem Wohnzimmerteppich und krümmten uns vor Lachen. Wir konnten gar nicht mehr aufhören, es war einfach um uns geschehen. Der ein oder andere Pupser war bestimmt noch zu hören.

Danach lagen wir, völlig erschöpft vom Lachen immer noch am Boden und waren eine Familie. Nicht mehr und nicht weniger hat es für mich gebraucht, um mich wirklich Zuhause zu fühlen.

Verenza Munz - Austauschschülerin in den USA

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