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Name: Julian
Alter: 17
  
My Highschool: São Luis
  
In Brasilien:
September 2009 - Juli 2010
 
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Datum: 01.07.2010
Betreff: Letzter Bericht
 

Vor mir liegt ein Buch, hinter mir ein Jahr. Ich frage mich, wie viele Welten habe ich in diesem Jahr bereist, durch wie viele Tage bin ich gegangen, an die ich mich erinnern kann, die bleibend in mir haften geblieben sind, die prägend auf mich eingewirkt haben - und ich versuche mich zu erinnern, gehe den Weg zurück.
    Vor nun etwas mehr als einem Jahr verließ eine Boeing 777-333 den Frankfurter Flughafen, nichtsahnend das sich an Bord drei junge Menschen befinden sollten; drei junge Menschen die sich nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatten und nun Seite an Seite saßen, und Seite an Seite durch ein Jahr ihres Lebens gehen würden, durch Höhen und Tiefen in einem Land auf der anderen Seite des Ozeans: Brasilien. Einer davon war ich. Ohne Vorkenntnisse in der Landessprache (portugiesisch) und ohne auch nur den Hauch einer Ahnung was uns erwarten würde, zogen wir los und überwanden unsere erste Herausforderung in Sao Paulo am Flughafen: durch die Zuhilfenahme von Mimik und übertriebener Gestik konnte die gewünschte Pizza letzten Endes doch bestellt werden. Nach einer Gesamtdauer von geschätzten 24 Stunden erreichten wir doch noch, alle anderen Probleme wie das Verpassen von Anschlussflügen oder das typische sich fast verlieren in dem Brasilien zugrunde liegenden Chaos irgendwie auch gelöst, endlich unser Ziel, die Stadt in der wir ein Jahr verbringen würden: Sao Luis, Hauptstadt des Bundesstaats Maranhao im Nordosten von Brasilien.

Ich will keinen Bericht von all meinen Erfahrungen schreiben, von alldem was ich erlebt habe, von all den Menschen die ich kennen gelernt habe, will weder jede Träne erklären die ich dort gelassen habe noch jedes Lachen - das würde den Rahmen dieses Berichtes sprengen. Aber ich will mich mit euch auf eine kurze Reise in meine Erinnerungen begeben, um euch zu zeigen was mich nie wieder loslassen wird.

Meine erste Familie (ich hatte dort zwei, jeweils eine für sechs Monate) wohnte keine zehn Meter vom Meer entfernt - ich musste nur die Tür öffnen um es riechen zu können und ein paar Schritte gehen um den Sand unter meinen Füßen zu spüren. Sao Luis liegt auf einer Halbinsel, der Strand ist also nie weit entfernt; was ich und meine Freunde natürlich nutzten um dort einen Großteil unserer Freizeit zu verbringen. Der Sand hier ist nicht, wie wir Europäer es aus den meisten Ferienzielen gewohnt sind, weich sondern von Natur aus platt und fest gedrückt, an den Wochenenden fahren die Menschen mit ihren Autos darüber, halten irgendwo an, packen Badestühle und Tragegrill aus, und bleiben einfach. Typisch brasilianisch, spontan, improvisiert und (scheinbar) planlos.
    Ich nutzte meine Nähe zum Strand indem ich Kitesurfen lernte und auch sonst viel Zeit am Meer verbrachte, dort joggen ging, mit Freunden um die Wette schwamm oder um kurz vor sechs zusah wie der Sonnenuntergang eine Straße aus Gold auf das Meer zeichnete, während der Himmel in einem Tanz aus Orange und Rot langsam lilafarbene Züge bekam, bis er sich ganz in blauschwarz zeigte und ich den auf dem Kopf stehenden Großen Wagen betrachten konnte.
    Jeden Tag besuchte ich am Nachmittag eine brasilianische Privatschule mit dem Namen 'Educator', der sich von dem portugiesischen Begriff "educação" (Bildung) ableiten lässt. In Brasilien können die Schüler wählen ob sie am Nachmittag (von 13:20 bis 19:30) oder am Morgen (von 7:10 bis 13:20) studieren wollen; mein erstes halbes Jahr studierte ich am Nachmittag während ich nach meinem Familienwechseln im zweilen Halbjahr eine andere Schule zu den Morgenzeiten besuchte. Um beschreiben zu können wie die Schule in Brasilien ist muss ich mich zu erst einem anderen, dem wohl wichtigsten Punkt widmen: Den Brasilianern.
    Brasilianer sind … warm, offen, herzlich, extrovertiert, aufgeschlossen, chaotisch, temperamentvoll, notorische zu-spät-kommer, feierwütig, ehrlich, trinkfest, heiß und überhaupt das schönste Volk der Erde. Hier folgt nun die fast schon peinlich berührte Kunstpause - ich weiß ja, vielleicht übertreibe ich. Aber Brasilianer sind das alles und noch viel mehr. Und genauso ist es auch in der Schule, ihre Art spiegelt sich dort wieder. Man geht einfach gerne in die Schule, die Lehrer sind Freunde mit denen man Arm in Arm über den Schulhof läuft und auch ausgehen kann, die aber respektiert werden; verlangt der eben noch so freundliche Lehrer unverzüglich Stille im Klassenraum, dann schweigen die Schüler. Bereits im Kleinkindalter beginnt die schulische Ausbildung und so verlassen die Schüler in Brasilien die Schule auch schon mit 17 oder 18 Jahren (das Schuljahr beginnt im Januar und endet im Dezember). Schuluniformen sind ganz normal und Teil jeder Schule - sie stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und binden die Schüler so noch enger aneinander. Es gibt dort keine Amokläufe, kein Mobbing - nie habe ich erlebt wie jemand gemobbt wurde, geschweige denn das über Leute gelästert wurde: so sind Brasilianer nicht. Sie sind ehrlich und sagen wenn ihnen etwas nicht passt, kennen in der Regel keine Hintergedanken und genießen alles was man genießen kann.
    Ich will damit nicht den Eindruck erwecken das alles in Brasilien 'gut' ist, genauso wenig wie ich die brasilianische Menschen als gedankenlos und einfach beschreiben will. Ich habe die armen Menschen dort gesehen, bin durch Favelas und Armenviertel gelaufen deren Anblick luxusgewöhnten Deutschen schnell die Demut in die Adern triebe - aber auch diese Menschen lachen noch. Es gibt dort unvergleichlich mehr arme Menschen, der Staat hilft nicht so wie in Deutschland und Korruption und Gewaltverbrechen sind häufiger als hier. Aber die Brasilianer schaffen es ein lachendes Gesicht an den Tag zu legen, das man nicht einfach wegwischen kann; sie schaffen es den Traurigsten wieder fröhlich zu stimmen, Freude und Hoffnung unter die Menschen zu bringen - wer in Brasilien allein sein möchte, der kann es sein. Wer es jedoch nicht will, der wird sich nie alleine und verlassen wieder finden.
    Auch die brasilianische Küche ist anders: viel Fleisch und Fisch steht auf dem Tagesplan, jeden Tag gibt es Reis und einen 'Feijoada' genannten Bohneneintopf. Es gibt Hunderte von Früchten von denen ich nie zuvor gehört hatte (wie zum Beispiel: Caja, Cupuacu, Goiaba, Acerola, Caju und Guarana, um nur ein paar zu nennen) und die täglichen Temperaturen von mindestens 30 Grad und eine gewöhnungsbedürftige (!) und sehr hohe Luftfeuchtigkeit sorgen dafür, das auch gebratene oder gebackene Speisen meist nur lauwarm gegessen werden.
    Alle Brasilianer verbindet die Fußballleidenschaft, zu Zeiten der WM bewegt sich dort nichts und man ahnt, wenn man die Kinder auf den Straßen spielen sieht, woher die Vereine ihre Nachwuchstalente her nehmen: 80 % der brasilianischen Nationalspieler stammen aus der Unterschicht und den ärmsten brasilianischen Familien.
    Viele fragen immer wie das mit der Sprache ist, ob es nicht doch schwierig ist so ganz ohne Vorkenntnisse in der Landessprache ins Ausland zu fahren. Ich kann, nach diesem Jahr welches ich ohne auch nur ein Wort portugiesisch zu wissen antrat, voller Gewissheit sagen: Es ist kein Problem. Man lernt die Sprache so selbstverständlich, das man sich nach wenigen Monaten den Kopf hält und sich wundert: "Moment, kann das überhaupt sein?" - Ja, es kann. Durch den täglichen Umgang mit Familie und dem Finden echter brasilianischer Freunde wird es schlicht notwendig sprechen zu können und in den Austauschschülern reift von selbst das Bedürfnis endlich auch mal an einer Konversation teilnehmen zu können, anstatt nur höflich lächelnd daneben zu sitzen.

Ich blicke auf dieses Jahr zurück als aufregendstes und herausragendstes meines bisherigen Lebens, als eine Entscheidung die ich in keinem Augenblick bereute und immer wieder machen würde. Ich will nicht die schwierigen Seiten vertuschen, will nicht sagen das es oft sehr anstrengend war, das ich manchmal an der Grenze war aufzugeben und das sich viele Sorgen auch bewahrheiten, ungeahnte Probleme vor einem auftun. Aber genau so ist das Leben und man kennt das Risiko wenn man sich dazu aufmacht ein Jahr in einem völlig fremden Land zu verbringen. Man muss kämpfen, sich überwinden, sich verändern, an sich arbeiten, wenn man aus diesem Jahr die beste und tiefst mögliche Erfahrung machen will. Die Sprache wird Schwierigkeiten bereiten, die allgemein weit verbreitetere Armut erfordert eine Anpassung, das Klima macht zu schaffen, die Familie muss nicht perfekt sein, das Chaos kann überfordern und der Druck und das Auf-sich-allein-gestellt-Sein machen manche Tage zu anstrengenden Trips durch die Nacht. Aber wenn man dies tut, wenn man sich anstrengt und sich alleine und mit den Freunden dort diesen Herausforderungen stellt, dann weicht die Nacht dem nächsten Tag und es eröffnen sich all die schönen Möglichkeiten in der Ferne und jeder Tag kann ein neues Wunder bergen.

Da bin ich nun, nicht am Ende meiner Erinnerungen, aber doch am Ende meines Berichts angelangt, und hoffe dem ein oder anderen ein interessantes und spannendes Bild von einem Auslandsjahr in Brasilien vermittelt haben zu können. Seit wenigen Tagen bin ich nun wieder in Deutschland und ein weiteres Mal muss man sich umstellen, ein weiteres Mal muss man daran wachsen in einer neuen (alten) Welt angekommen zu sein - aber das gehört dazu.
    Wozu all die Worte? Ich muss darüber lachen und den Kopf schütteln, so ganz klar ist es mir nicht, wie so wenig in diesen Tagen. Aber vielleicht entschließt sich manch einer nun dazu dieses Abenteuer zu wagen, ins Ausland zu gehen und eine Reise nach Südamerika anzutreten, einen Kontinent voller Kultur, Lebensfreude und Zukunft kennen zu lernen. Und vielleicht wird einer nach Brasilien gehen, dort ein Jahr verbringen und einen Strand, den schönsten der Stadt und einzigen mit weichem Sand, besuchen, genannt "Tia Maria", und dort Menschen treffen, nachts, Gitarre spielend und einem alten Traum nachhängend. Setz dich zu ihnen, das Ausland wartet - du kannst ein Teil von Brasilien sein.
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